Die Orte | Mai 2011

Schwedeneisbecher und Stalins Schnurrbart

Eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm steht gleich am Eingang, allerdings nur als lebensgroße Gipsstatue. Ein Bauarbeiter tippt zur Begrüßung an seine Schirmmütze, freundlich lächelnd von einem Plakat an der Wand. Ich sichere mir einen Logenplatz am riesigen Fenster, an einem Tischchen mit schlichten Holzstühlen, und gönne mir einen Schwedeneisbecher – eine DDR-Spezialität aus vergangenen Zeiten. Und während mir Elvis »Love Me Tender« ins Ohr haucht, staune ich über stilechte Cocktailsessel, Nierentische, Tütenlampen sowie schwebende Cocktailgläser, tanzende Eisbecher und rote Kußlippen an den Wänden. Die fröhliche Wandbemalung im Stil der frühen 50er Jahre mag altmodisch, naiv und kitschig erscheinen, doch sie ist originär und fast 60 Jahre alt und wurde bei der Renovierung des Lokals vor zehn Jahren unter einem halben Dutzend alter Farb- und Tapetenschichten freigelegt.

Dies berichtet sichtlich stolz Artur Schneider, studierter Wirtschaftswissenschaftler und Chef vom Café Sibylle in der Karl-Marx-Allee, das seit sechs Jahren von der Union Sozialer Einrichtungen (USE) betrie-ben wird, die Menschen mit psychischer Erkrankung oder Behinderung ans Berufsleben heranführt. Fachkundig und temperamentvoll erzählt er auch, daß das kleine Kaffeehaus mit dem Bau des Abschnitts C-Süd der damaligen Stalinallee entstand, 1953 als Milchtrinkhalle eröffnet und ein Jahr später schlicht in Milch­bar umbenannt wurde. Ursprünglich eine kapitalistische Erfindung, aus den USA kommend, aber nicht nur von SED-Chef Walter Ulbricht, der den Alkohol verabscheute, will­kommen geheißen, sondern vor allem von Jugendlichen, die hier ihr Lebensgefühl mit einem Hauch von Exklusivität ausleben konn­ten. Die damalige Einrichtung war eine Mischung aus sachlicher Strenge und bürgerlicher Gemütlichkeit mit dicken Gardinen, vornehmen langen Tischdecken und weißen Stühlen, später dominierten warme rotbraune Töne und schicke Holzmöbel. Bereits 1962 wurde das Lokal in Café Sibylle umbenannt – nach der beliebten gleichnamigen Mode- und Kulturzeitschrift, die wiederum nach der damaligen stellvertretenden Chefredakteurin Sibylle Gerstner benannt war.

Heute kann man im ältesten Café der Karl-Marx-Allee nicht nur frischen Kuchen aus der hauseigenen Patisserie kosten, sondern man bekommt auch Geschichte und Kultur zum Anfassen geboten: In einer Ausstellung gibt es Zeugnisse aus den 50er Jahren zu bewundern, darunter ein Küchenherd und ein Handstaubsauger, die erste Registrierkasse aus der Karl-Marx-Buchhandlung und ein Stück von Stalins Schnurrbart, d.h. von dem Denkmal, das ein paar Meter weiter in der Allee thronte, bis es 1961 abgerissen und eingeschmolzen wurde. Für Abwechslung ist abends mehrmals in der Woche gesorgt, wenn Sibylle zu Lesungen und Konzerten einlädt und ein Publikum anzieht, das nicht nur aus Anwohnern besteht. Etwa wie die Japanerin an meinem Nachbartisch, die sich in ihren Berlin-Reiseführer vertieft hat, die Doppelseite übers Café Sibylle aufgeschlagen.

Jens-Axel Götze

Café Sibylle, Karl-Marx-Allee 72, 10243 Berlin, Tel. 030/29 35 22 03, www.u-s-e.org, Mo–Fr 10–20 Uhr (bei Veranstalt. länger), Sa, So 12–20 Uhr



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