Friedrichshainer Chronik - Berlin Friedrichshain

Mandy Meier | Mai 2009

Ordnung muß sein!

Die Sonne gaukelte seit Tagen Sommer vor. Wild entschlossen hatten Mandy und ihre Busenfreundin Gabi ihr wöchentliches Kaffeekränzchen vorverlegt und sich schon am Morgen getroffen. Im heimeligen Café in der Oderstraße, wo außerdem in der Manufaktur im Hinterzimmer Textilien phantasievoll bedruckt werden. Draußen, im Sonnenschein, löffelte Gabi entzückt den Schaum ihres Latte Macchiatos, gutgelaunt tunkte Mandy das mitservierte Schokoladenstückchen in den Milchkaffee. Aus dem Wurzelwerk, dem Bioladen nebenan, tippelte Oma Krause und verschnaufte kurz auf dem Bänkchen, mit dem ein Beet um den Baum direkt vorm Café umzäunt war. Sie freute sich über die bunten Frühlingsblumen und meinte, daß so etwas doch viel, viel schöner sei als die Termitenhügel von stinkender Hundekacke auf den Gehwegen.

Fast wie aufs Stichwort stoppte im selben Augenblick ein blau-weißes Auto mit quietschenden Reifen vorm Café. Aus dem Fahrzeug schälten sich ein Mann und eine Frau, an ihren dunkelblauen Blousons als Mitarbeiter des Amtes für Zucht, Sitte und Sauberkeit erkennbar. Der Beamte kommandierte das Betreiberpärchen von Café und Textildruckerei vor die Tür und bellte mit Feldwebelmentalität: »Sind Sie sich die Verantwortung Ihrer Baumscheibe in Ordnung?« Als der Staatsdiener nur völlige Hilflosigkeit in den Gesichtern der Angesprochenen registrierte, for­derte er sie auf, laut Paragraph 16, Absatz 3 des Berliner Straßengesetzes die ungesetzliche Stö­rung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit unverzüglich zu beseitigen, also Zäunchen ja, Sitzplatz nein, sonst … Die Angeklagten kamen sich vor wie vorm Volksgerichtshof. Sie hätten eine Patenschaft über die Baumscheibe übernommen, viel Herzblut und Schweiß in die Bepflanzung gesteckt und würden keinen Finger rühren, das Geschaffene wieder zu demontieren, widersprachen sie tapfer. Dann müsse er eben zur Ersatzvornahme des Amtes schreiten, belehrte der Beamte im Tone eines dauererigierten Revolutionswächters von Ahmadinedschad. Mit dem Blick eines unterbeschäftigten Hausmeisters ließ er sich von seiner Kollegin aus dem Kofferraum des Dienstwagens Vorschlaghammer, Kettensäge und kanadische Holzfälleraxt reichen. In der friedlichen Oderstraße herrschte auf einmal eine Atmosphäre wie 1962 in der Karibik, als die US-Kriegsmarine vor Kuba sowjetische Schiffe stoppte.

Die Betreiber und Gäste des Cafés erwogen schon eine nonverbale Konfliktlösung, um die Angelegenheit in aller Freundschaft durch das Faustrecht zu regeln, bewahrten sich am Ende jedoch ein bißchen Restwürde. Anders das kommunale Einsatzkommando, das seine Adrenalinvorräte ausgeschüttet hatte. Wie beim polynesischer Paarungstanz hüpfte das Duo Infernale um die Baumscheibe und demolierte in Windeseile die kleine Holzbank. Der Mann hatte zwar Mundgeruch wie ein Mammut, wie Mandy noch aus drei Metern Entfernung feststellen mußte, jubelte aber bei jedem losgelösten Sitzbrett, als ob er sich in einem Du-kannst-es-schaffen-Motivationsseminar beweisen müßte. Am Ende ihres Einsatzes, körperlich und intellektuell total verausgabt, aber mit einem manischen Dauergrinsen im Gesicht, verstauten die Beamten ihre Utensilien wieder im Auto und fuhren grußlos davon.

Angeekelt von so viel Ordnungssinn, grübelte Gabi, ob deutsches Verwaltungsrecht noch mit Bürgerrecht vereinbar sei. Mandy antworte nicht, sondern fragte nur zurück, ob Gabi gesehen habe, wie professionell der Ordnungshüter mit dem Werkzeug umgehen konnte. Und ohne eine Antwort abzuwarten, resümierte sie: »Da sieht man doch, wie nützlich damals die polytechnische Ausbildung an unseren DDR-Schulen war!« Es war höchste Zeit für einen Cointreau.

Thomas Heubner



In der gleichen Ausgabe
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Die StraßenLasdehner Straße
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