Friedrichshainer Chronik - Berlin Friedrichshain

Die Straßen | September 2011

Jungstraße

»Ein Cocktail aus allem«, so beschreibt ein Anwoh­ner die Atmosphäre in der Jungstraße: manchmal ruhig, manchmal spannend, aber auf jeden Fall in den letzten 20 Jahren jünger und lebendiger geworden. Die Straße, die im Berliner Stadtplan von 1874 nur als namenslose Trasse verzeichnet und im Plan von 1877 bereits als Jungstraße benannt war, befindet sich im Südkiez Friedrichshains, liegt aber abseits der berüchtigten Partymeilen à la Simon-Dach. In Nord-Süd-Richtung verläuft sie von der Frankfurter Allee bis hinunter zur Weserstraße und wird durch die Kreuzung mit der Scharnweberstraße zweigeteilt: der kürzere Teil liegt nördlich, der längere im Süden.


Die Jungstraße um 1927 (Foto: Archiv Dr. Peter Franke)

Vor allem der südliche Straßenabschnitt ist hell und freundlich, Autos rumpeln hier noch über Kopfsteinpflaster, und die Häuser sind weitgehend saniert. An der Ecke ein Bäcker, im Bluu, einem Laden für Gastrobedarf, läßt sich in rauhen Mengen alles für die Küche kaufen, und im Restaurant Leander kann man sich von morgens bis nachts durch die umfangreiche Speisekarte essen. Im art.gerecht wird nicht nur Kunst ausgestellt, sondern es treten auch regelmäßig Songwriter auf, wie es natürlich auch Kaffee, Bier und Wein zu trinken gibt. Im Jung-Shop schließlich, einem von einem Inder geführten Spätkauf, lassen sich neben den üblichen Verdächtigen wie Dosennudeln, Chips und Bier auch indische Lebensmittel finden: von der Currypaste über Mango-Chutney bis hin zur Backmischung für indisches Brot. Optisch unstimmig im Gesamtbild der Straße wird’s dann bei Hausnummer 30: Hier wurde vor kurzem als Lückenbau das wuchtig wirkende Haus Margo errichtet, ein »exklusives Wohnobjekt« mit Nußbaumholzfassade und Balkons aus Milchglas. Ausgestattet mit Kristall-Lüster im Eingangsbereich, die Fußböden mit Eichenholzparkett, die Badezimmer nach einer »hochwertigen Designlinie« inklusive Fußbodenheizung gestaltet. Bemerkenswert auch die »Möglichkeit des Austritts« auf Loggien und eine begrünte Dachterrasse sowie die »luxuriösen Doppelparker im Innenhof«. Einzig die leerstehenden abgedunkelten Gewerberäume im Erdgeschoß wollen nicht so recht ins exquisite Bild passen: Mit einer roten Farbpistole hat hier jemand seinem Unmut ganz ungeniert freien Lauf gelassen ob all der Eleganz.

Ein kurzes Stück weiter beginnt dann der kürzere, nördliche Teil der Straße. Er beherbergt weniger Geschäfte, dafür mehr Büros. Insbesondere die Nummern 4 und 5 scheinen voll davon zu sein. Rechtsanwälte, Ingenieurbüros, Steuerberater und eine Immobilienfirma sind hier tätig, auch eine Psychologische Praxis und ein Selbsthilfeverein für Alkoholkranke sind zu finden. Und für alle, die sich berufen fühlen – hier hat die Agentur rockstar models ihren Sitz.


Ecke Schwarnweberstraße: Restaurant »Jungbrunn«, um 1900 (Foto: Archiv Claudia Nawrot)

Vor gut hundert Jahren konnten die Anwohner in Nr. 3, in »Peter’s Gross-Bäckerei«, ihr Brot erstehen, in Nr. 22 verkauften Hermann Geisler und später sein Sohn Emil Seifen, Waschpulver, Bürsten, Kerzen und Parfüm. Und an jeder Straßenecke war selbstverständlich eine Kneipe bzw. »Destillation«, an der Ecke Scharnweberstraße etwa »Zum Jungbrunn« oder »Zur Westfalen-Klause« von Wirt Albert Voßloh. Zu DDR-Zeiten gab es im Haus Nr. 32 einen Fachhandel für Autolacke, den einzigen Laden in Ostberlin, wo die Farben noch selbst gemischt wurden. Am Haus Nr. 18 erinnert eine Gedenktafel an den antifaschistischen Widerstandskämpfer Walter Homann. Er war KPD-Mitglied, gehörte zur Widerstandsgruppe Rote Kapelle und leitete in der AEG-Turbinenfabrik in Moabit eine illegale Betriebszelle. Während der Nazi-Diktatur setzte er sich gemeinsam mit seinen Mitstreitern für die Angehörigen poli­tisch Inhaftierter ein, sammelte Sach- und Geldspenden, weshalb er schließlich im Februar 1945 mit 17 weiteren Widerstandskämpfern ver­haf­tet und im April 1945 hingerichtet wurde.

Benannt wurde die Straße nach dem Unternehmer und Ziegeleibesitzer Wilhelm Jung – 1833 geboren, 1890 gestorben – , über welchen jedoch nur sehr spärliche biographische Angaben zu finden sind. So erwähnte das Berliner Adreßbuch erstmalig für das Jahr 1856 eine Holzhandlung Wilhelm Jung in der Kanonierstraße 9 (heute Glinkastraße in Mitte). 1858 wurde er als Eigentümer eines »Landesproducenten Beinschwarz und Brettergeschäftes« in der Jüdenstraße 37 aufgeführt. Um 1860 galt er bereits als Ziegeleibesitzer und Nutzholzhändler, und im Jahr 1864 verlegte er dann sein Unternehmen in die Wrangelstraße im heutigen Kreuzberg. Um 1875 errichtete er einen Neubau in der Danziger Straße 2, wo er offenbar bis 1885 wohnte.

Katharina Hoffmeister

Literatur:

Holger Hübner, Das Gedächtnis der Stadt. Gedenktafeln in Berlin, Berlin 1997, S. 153

www.agentur-dreipunkt.de/agr...



In der gleichen Ausgabe
Die MenschenRock’n’Roll im Samariterkiez. Der Kneipenwirt Ulli Kasiske
EditorialEditorial
Die ReportageAm Ufer zweier Welten. Strandspaziergang zwischen Blumen und Beton
Die GeschäfteHolzfällerhemd, Hawaii-Shirt und Baseball-Jacke
Das TrinkenKickern mit Pin-Up-Girls
Die OrteZwei Tore – eine Idee
Die LiteraturPol Sax: U5
Mandy MeierEin jüngerer, aber leicht besoffener Herr*
pfeilback   
© Friedrichshainer Chronik · Berlin Friedrichshain - Text und Bild sind durch Copyright geschützt.
Sitemap