Die Menschen | Dezember 2005

Glück oder Verzweiflung:
Der Schauspieler Uwe Kockisch
Friedrichshainer Chronik

Das Foto liegt zwar nicht auf dem Caféhaustisch, aber man sieht es bildlich vor sich: die großen neugierigen Augen der sechs- und siebenjährigen Jungen und Mädchen, die eingefallenen Wangen, ihre abgewetzte und fadenscheinige Bekleidung, oft noch aus alten Uniformen oder Decken zusammengenäht.

Im Hintergrund ein Transparent: »Für die deutsche Einheit!« Einschulung 1950 in Cottbus.

»Wenn jemand davon keine Ahnung hat, auch nicht weiß, was mich danach prägte, mir aber dann erklären will, wie ich eigentlich lebte, dann kann ich schon das Kotzen kriegen.« Wie zur Bestätigung drückt er impulsiv die aufgerauchte Gitanes Blondes im Aschenbecher aus. Sein Gesicht verfinstert sich, die braunen Augen funkeln zornig. Keine einstudierte Pose und kein Rollenspiel, sondern natürlicher Gefühlsausbruch. Aber Uwe Kockisch wäre ein schlechter Mime, hätte er sich nicht im Griff. Vor allem hier inmitten der Öffentlichkeit, in seiner Stammkneipe in der Samariterstraße, nur ein paar Ecken von seiner Wohnung entfernt. Weil er aber ein guter Schauspieler ist und vor allem ein sympathischer Zeitgenosse, zeigen sich um die Augenwinkel schnell wieder Lachfältchen, um die Mundwinkel huscht ein Lächeln. Dieses Gesicht mit seinen kleinen Furchen und Gräben hat sich Kockisch, so scheint es, mühsam erarbeitet. Es kann wie ein aufgeschlagenes Bilderbuch sein und Geschichten erzählen.

Fluchtversuch

Beispielsweise über die ersten Jahre nach seiner Geburt 1944 in der Lausitz. Vom Vater, der als Jagdflieger im Krieg über Frankreich abgeschossen wird, von der Mutter, ihrem neuen Mann und den Geschwistern, die dann eine Patchworkfamilie bilden, wie man heute sagt. Oder von der Kokerei in Lauchhammer-West, wo der junge Bursche Tagebaumaschinist lernen und später an der Abendschule das Abitur machen will. Er ist schon auf der Zielgerade und in all der Zeit vom Mathelehrer völlig unbehelligt gelassen worden. »Dann rief der mich plötzlich vor an die Tafel. Angesichts der Hieroglyphen packte mich das Entsetzen und ich meine Tasche. Das war’s«, erzählt Uwe Kockisch.

Das war’s aber noch lange nicht. Denn irgendwie gelingt es ihm, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden. Er kauft eine Exa 1, die hochwertige Spiegelreflexkamera aus dem VEB Pentacon, verscherbelt sie gleich wieder in Westberlin und rubelt die West- in Ostmark um. Vorher ersteht er auf dem Kudamm noch eine schicke Nietenhose, man sagt damals weder geil noch Jeans. Das Spielchen wiederholt er mehrmals, wobei er einige Kumpels bestechen muß, da ein Kamerakauf damals in der DDR im Personalausweise vermerkt wird. Leider endet Kockischs steile Schieber-Karriere abrupt am 13. August 1961.

Mag sein, daß er schon den Duft der großen weiten Welt gerochen hatte. Auf alle Fälle fühlt er sich ziemlich hilflos, wie in einer Sackgasse. Also eine prima Idee, gemeinsam mit vier Freunden in die Freiheit zu flüchten. Doch die enttäuschte Freundin eines Kumpels petzt, und bevor die fünf Kerle bei Prerow nur einen Fuß in die Ostsee setzen können, sitzen sie auf dem Trockenen. Uwe Kockisch, noch keine 18, versteht die Welt nicht mehr. Nicht die Fragen im Verhör, warum er den Imperialismus stärken wolle, nicht seinen mitangeklagten Kumpel, der in der Gerichtsverhandlung naiv plappert, in Südafrika Aufseher auf einer Plantage werden zu wollen. Das knappe Jahr Gefängnis in Cottbus ist ein Schock. Das Wolfsgesetz in den Zellen, Knastfreundschaften – Fehlanzeige. »Das war wie in einem Drama von Shakespeare«, erinnert sich Uwe Kockisch, »hatte für mich aber auch was von Gorkis ›Meine Universitäten‹«. Er beobachtet die Leute, blickt in den Abgrund ihrer Psyche, bekommt eine Ahnung von der Palette menschlicher Verhaltensweisen. Eine Schule des Lebens, erstes schauspielerisches Handwerkszeug.

Aus dem Gefängnis entlassen, muß er innerhalb von sechs Wochen eine Arbeitsstelle vorweisen. In der DDR gibt es nämlich nicht nur das Recht auf Arbeit, sondern auch die Pflicht dazu. Uwe Kockisch landet im Cottbuser Stadttheater, wird als Aushilfsnachtpförtner eingesetzt, als Hilfsheizer und Hilfsgarderobier, der die Kostüme vom Fundus nur bis vor die Künstlergarderobe bringen darf. Ihm gefällt es am Theater, eine andere Welt. In die will er auch eintauchen. Rotzfrech bewirbt er sich einfach an der Schauspielschule »Ernst Busch« in Berlin-Schöneweide. Die Aufnahmeprüfung, das Vorsprechen, wird ein Desaster. »Junger Mann, kommen Sie nie wieder hierher!«, gibt ihm Doris Thalmer, die Lehrerin und bekannte Schauspielerin aus dem Berliner Ensemble, noch mit auf den Rückweg.


Fotos dieses Artikels: Kristin Magister

Schöpfer und Material

Wieder zu Hause in Cottbus, ein paar Tage später, erhält Uwe Kockisch Besuch aus Berlin. Lutz Wesolek hatte im Blauhemd als Vertreter der Studenten und FDJ-Hochschulgruppenleitung in der Aufnahmekommission gesessen. Er überredet Kockisch, sich im nächsten Jahr nochmals zu bewerben. Und sie treffen sich regelmäßig und üben. Beim zweiten Mal ist Doris Thalmer verblüfft. »Mit wem haben Sie gearbeitet?« will sie wissen. Vermutlich kennt sie schon die Antwort, die sie nie erhält.

Dennoch ist es ungewöhnlich, daß Uwe Kockisch an der Schauspielschule angenommen wird. So ohne Berufsabschluß, ohne Abitur, ehemaliger Knastologe, politischer noch dazu. Die Entscheidung trifft Rektor Rudolf Penka, der schon als 15jähriger Jungkommunist war und während der Okkupation der ?SR der antifaschistischen Widerstandsgruppe um Julius Fu?ik angehörte. An seinem Helm stammen die wenigsten Beulen vom Klassenfeind.

Einige Jahre später gerät Uwe Kockisch wieder an so einen Mann, der schützend seine Hände über ihn hält: Albert Hetterle, Intendant des Maxim-Gorki-Theaters. Der muß nicht nur Inszenierungen gegen den hemdsärmeligen Berliner Parteichef Konrad Naumann durchsetzen, der immerhin den Revolver entsichern möchte, wenn er das Wort Kultur hört. Vielmehr meinen auch die Genossen von der Staatssicherheit, daß Hetterle, das Mitglied der SED-Bezirksleitung, »das eigentliche Übel« sei, wie Kockisch später in seinen Akten nachlesen kann. Doch er macht auch die Bekanntschaften mit Leuten, die ihn an jenen Witz mit dem Stotterer erinnerten, der meinte, nur deshalb als Sprecher im Rundfunk abgelehnt worden zu sein, weil er nicht Parteimitglied sei. Das spielt sich allerdings erst Ende der 80er Jahre ab.

Vorher lernt Kockisch in Schöneweide, daß die Kunst des Schauspielers die schwerste und komplizierteste ist, weil ein Schauspieler Schöpfer und Material zugleich ist. Das Schauspielmethodische – er saugt es auf und es geht ihm in Fleisch und Blut: dialektisch denken, die Kausalität und die Widersprüche, das gesellschaftliche Umfeld der Figuren nicht vergessen! Eine Figur, die man spielt, verrät man nicht, sondern verteidigt sie!

Was das heißt, sieht man beispielsweise im Film »Der Tunnel«. Dort spielt Kockisch den Stasi-Oberst Krüger eben nicht wie üblich als rabiaten sächselnden Dummkopf, sondern als einen Mann, der vordem gegen die Nazis gekämpft hatte. Oder jüngst im ZDF bei der Verfilmung von Alexander Osangs Buch »Die Nachrichten«. Da gibt es eine Szene, wo der erfolgreiche Neu-Wessi Landers, gespielt von Jan Josef Liefers, in einer Bahnhofskneipe in tiefster Ostprovinz ein Glas Wasser bestellt. Sein Gegenpart, der Lokalreporter Raschke alias Kockisch sagt in diesem Moment kein Wort, aber seine Mimik und Gestik sprechen Bände.

Spiel und Lebensgefühl

Nach seinem ersten Engagement in Cottbus ist Karl-Marx-Stadt die nächste Station. Dort stehen mit seinen ehemaligen Kommilitonen Christian Grashof und Michael Gwisdek auch keine Leichtgewichte auf der Bühne. Anschließend geht er nach Berlin, bleibt über 20 Jahre am Gorki-Theater. Das Fernsehen und die DEFA holen ihn. Er spielt in Kinderfilmen wie »Sabine Kleist, 7 Jahre«, man sieht ihn in »Bürgschaft für ein Jahr«. Der große Durchbruch gelingt 1981 mit »Dein unbekannter Bruder«, ein Film über Treue und Verrat im antifaschistischen Widerstandskampf, wo er die Hauptrolle des Arnold spielt.

Noch heute ist das sein wichtigster Film, und noch heute schwärmt Uwe Kockisch vom Regie-Genie Ulrich Weiß, der alles aus ihm rausholte. »Die Kamera liebt dich, hat der Uli mir klargemacht«, entsinnt er sich. »Die ist weiblich, also eine Frau und unschuldig. Und nur du trägst die Verantwortung dafür, was du vor ihr machst.« Im Gegenzug berichtete Ulrich Weiß von den Dreharbeiten, wo im Zimmer ein Spiegel hängt und Arnold, sprich Kockisch, sich ihm nähert. »Es wehrt sich alles in ihm, hineinzuschauen, doch er kommt nicht an ihm vorbei. Da legt er das Ohr an das Glas. Er lauscht in den Spiegel hinein, bedient das Requisit gewissermaßen mit dem falschen Sinnesorgan. Die Einsamkeit, sie konnte nicht tiefer sein. Obwohl von Ideen inspiriert, ist sein Spiel biologisch. Sein Gesicht kann sichtlich verfallen und sich frappierend schnell wieder beleben. Der Wechsel von Spannung und Entspannung erfolgt mühelos … Alles ist reines Spiel – denn je mehr ein Spiel Spiel ist, um so stärker das Lebensgefühl.« Kockischs Kommentar: »Das Probieren ist für mich immer wichtiger gewesen als die Vorstellung oder der fertige Film. Ich bin lieber unterwegs als angekommen, immer auf der Suche.

Genauso liebe ich die Extreme, die entgegengesetzten Pole wie Glück und Verzweiflung. Mit Lauwarmem kann ich nichts anfangen, will mich nicht einlullen lassen.«

Mit diesem Anspruch spielt Uwe Kockisch mehr als 20 Jahre am Maxim-Gorki-Theater. Erst nach der Wende wechselt er an die Schaubühne am Lehniner Platz.

Auf Expedition

Er hat gute Gründe dafür. Zum einen die Furcht, daß die Schauspielkunst verflacht, wenn das Theater Funktionen erfüllt, die eigentlich den Medien zukommt. Zum anderen hat er unter den Regie-Weltmeistern Ost wie Benno Besson oder Thomas Langhoff gearbeitet, nun will er die Weltmeister West kennenlernen. Es klappt. Luc Bondy, Robert Wilson und Victor Contreras inszenieren mit Kockisch. Manchmal freilich kommt er sich vor wie bei des Kaisers neuen Kleidern. Es geht zwar freundlich zu wie unter Gourmets, aber ihm fehlen das Wilde und Spontane. Anstelle des Subversiven gibt es nur noch Entertainment, statt Teamarbeit Vergötterung der Stars. Immer nur Sahnetörtchen macht Appetit auf Vollkornbrot. Wieder ein Abschied.

Natürlich weiß Uwe Kockisch, daß beim Film das Risiko viel höher ist, als Schauspieler zu verbrennen, beim Fernsehen noch viel mehr. Doch er braucht das Wagnis, die ständige Suche nach neuer künstlerischer Herausforderung. Diese Lust, einen jungfräulichen leeren Raum zu betreten. Deshalb ärgert er sich auch über die für Deutschland typische Trennung von sogenannter ernster und Unterhaltungskunst. Und deshalb nimmt er seine Rollen der Kriminalkommissare – von Zappek und Pfeifer bis Brunetti – so ernst. »Von guten Autoren wie Chandler, Simenon oder Donna Leon geschaffen, dürfen und müssen die hinter die Kulissen der feinen Gesellschaft blicken oder wie ein Arzt in die Menschen reingucken. Diese Figuren zu entschlüsseln, ist ein spannender psychologischer Vorgang«, meint Kockisch. »Um ihnen Leben einzuhauchen, reicht es nicht, daß ich ihnen nur mein Gesicht mit dem Dreitagebart gebe.«

Wahrscheinlich ist es das, was den Schauspieler Uwe Kockisch von anderen unterscheidet. Sich in eine Figur hineinfühlen, sie zu übersetzen, das geht für ihn nur durch das Denken, von dem Brecht meinte, es sei das größte Vergnügen der Menschheit. Er gönnt sich den Luxus.

So lehnt er auch das Angebot für einen neuen »Tatort« ab, spielt dafür aber ohne Gage in einem Kurzfilm mit, der Diplomarbeit eines Regiestudenten. Eine einfache und tragische Geschichte, gedreht wird auch auf der Karl-Marx-Allee. Kockisch ist neugierig auf den jungen Regisseur, will dessen Sicht erfahren. Und andererseits hält er die Zeit für gekommen, das weiterzugeben, was er vorher von anderen bekommen hat. »Wieder eine Expedition, es fängt immer wieder neu an« sagt er und drückt lachend die letzte Gitanes im Aschenbecher aus.

Thomas Heubner



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