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Die Orte | Mai 2009
Der Mörderkeller
Am 7. November 1926 setzte Adolf Hitler propagandistisch zum »Sturm auf die Reichshauptstadt« an; der von ihm ernannte »Gauleiter« Dr. Joseph Goebbels traf in Berlin ein. Bis zu diesem Zeitpunkt dümpelte die NSDAP im Wahl-Abseits: Am 25. Oktober 1925 hatte die Hitler-Partei Kandidaten für den Bezirk Spandau aufgestellt – und kümmerliche 137 Stimmen eingefahren. Goebbels verfocht das Motto »Eine schlechte Presse ist besser als keine Presse« und organisierte dauerhaft provokatorische SA-Aufmärsche durch proletarische Viertel. Im »roten« Friedrichshain setzte er den SA-Sturm 34 unter Führung des 23jährigen Horst Wessel an, der die Goebbels-Losung ständig neu praktizierte: »Wir haben dem Marxismus beizubringen, daß der künftige Herr der Straße der Nationalsozialismus ist!« Einen ständigen Gaststätten-Sitz hatte die Truppe nicht. Zeitweilig bevorzugte Lokale in de Madaistraße am Schlesischen Bahnhof (heute: Erich-Steinfurth-Straße am Ostbahnhof) sowie die Kneipen von Bolzmann in der Markusstraße (zwischen Holzmarkt- und Blumenstraße) und von Bleckmann in der Kleinen Andreasstraße verloren rasch ihre frühere Kundschaft.
Am 14. Januar 1930 hatte Horst Wessel, als Untermieter in der Großen Frankfurter Straße 62 (heut Karl-Marx-Allee) mit seiner Freundin wohnhaft, einen Streit mit der Vermieterin, die Unterstützung bei KPD-Genossen suchte. Bei einer Auseinandersetzung wurde Horst Wessel durch einen Schuß schwer verletzt. Eingeliefert ins Krankenhaus Friedrichshain, verweigerte er notärztliche erste Hilfe, war doch der Arzt eine Jude. »Gauleiter« Goebbels jedoch, fast täglich bis zum Sterbetag am 23. Februar am Krankenbett, schrieb beglückt in sein Tagebuch: »Ein neuer Märtyrer für das Dritte Reich«. Nach der »Machtergreifung« Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 wüteten die SA-Schläger besonders im »roten Osten«. Zentrum der Gewaltaktionen wurde nun das schon seit längerem von den Nazis bevorzugte Keglerheim in der Petersburger Straße 86 (heute Nr. 94). Hierher verschleppte man Antifaschisten, die in den weiträumigen Kelleranlagen bestialisch gefoltert wurden; die Anwohner sprachen sehr bald nur noch vom »Mörderkeller«. Ein Überlebender – Willi Achsel, Mitglied der Roten Jungfront – beschrieb das Grauen: »Auf der Kegelbahn im Keller wurde ich mit Stahlruten, Holzkegeln und Peitschen stundenlang mißhandelt. Man versuchte mit aller Gewalt, verschiedene Adressen von illegalen Genossen ... von mir zu erhalten. Das erreichten sie nicht. Aus Wut darüber wurde ich so fertig gemacht, daß ich nach der Entlassung sechs Wochen im Krankenhaus Friedrichshain mit Armbrüchen, Rippen- und Schädelbruch lag ... Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war, mußte ich mich jede Woche beim SA-Sturmführer einmal melden.«
Das NS-Regime feierte die Folterstätte noch 1937 durch eine Inschrift: »Ältestes Partei- und Sturmlokal der NSDAP des Berliner Ostens. Stürme 11/5 (34) und 13/5 des Sturmbanners II der Standarte 5 Brigade ›Horst Wessel‹. Gründer Oswald Pretzsch 1929.« Die Abstrafung der antifaschistischen Bastion Friedrichshain wurde für die Anwohner zum zwölfjährigen Dauermartyrium: Am 27. September 1933 wurde der Name des traditionellen Arbeiterbezirks gelöscht und durch den »Verwaltungsbezirk Horst Wessel« ersetzt. Das Krankenhaus hieß nunmehr »Horst-Wessel-Krankenhaus«, und das Sterbezimmer wurde »nationale Gedenkstätte«. Die Paul-Singer-Straße (vormals Grüner Weg) wurde am 25. Oktober 1933 zum »Braunen Weg«. Nach der Zerschlagung des Faschismus wurde am Haus eine Gedenktafel angebracht: »An dieser Stelle befand sich das berüchtigte Faschistenlokal Keglerheim. Es wurde 1933 zum Mörderkeller, in dem hunderte Friedrichshainer Antifaschisten grausam misshandelt oder ermordet wurden.« Ende 1992 wurde die Bronzetafel-Inschrift von Unbekannten abgerissen, sie fand sich bald darauf im Bauschutt wieder und wurde vom Bezirksamt an dem inzwischen neu errichteten Geschäftshaus wieder angebracht. Vor diesem historischen Hintergrund mutet es als unsägliche Geschmacklosigkeit und politische Provokation an, daß Ende Februar dieses Jahres im gleichen Haus ein Bekleidungsgeschäft mit dem Namen Tromsø eröffnete – benannt nach der gleichnamigen Stadt in Norwegen, die im Zweiten Weltkrieg Flottenstützpunkt der deutschen Wehrmacht war. In dem Laden werden Klamotten der vor allem bei Neonazis beliebten Marke Thor Steinar verkauft, die mit dem Namen des germanische Donnergottes sowie des Generals der Waffen-SS Felix Steiner spielt. Sofort formierte sich die Gegenwehr einer breiten demokratischen Öffentlichkeit, in zahlreichen Protestaktionen wurde die Schließung des Geschäftes gefordert. Am Nachbarhaus, in dem u.?a. der Verband für interkulturelle Arbeit residiert, der sich um Migranten aus Afrika kümmert, warnt ein großes Transparent: »Augen auf beim Kleiderkauf! Neue Nazis tarnen sich!« Norbert Podewin
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