Die Orte | Dezember 2010

Das erste Haus am Platz

Langes Handtuch wurde es vom Friedrichshainer Volksmund genannt, das Elektra-Theater in der Warschauer Straße 26. Eines der ältesten Kinos im Berliner Osten, dessen erster Betreiber Carl Gabriel war, ein bekannter Schausteller, der sich auf dem Münchener Oktoberfest mit »Exotenshows« und dem »Hippodrom« einen Namen gemacht hatte. Von 1907 bis 1963 liefen im Elektra Filme wie »Die Geheimnisse von Berlin« oder »Die Herrin des Nils«, es gab 164 Sitzplätze, darunter Loge und Sperrsitz.

Leinwandfläche und Zuschauerraum lassen sich noch erahnen, wenn man heute an der langen Theke im Ambrosius Bier Club sein Pils trinkt. Die urwüchsige Kneipe gibt es seit sechs Jahren, ihre Vorgängerin, von der auch das antiquarische Inventar übernommen wurde, nannte sich Deponie. Ein Mitte 90er Jahre äußerst angesagtes Szenelokal in der wiedervereinigten deutschen Hauptstadt, gemanagt von einem cle­veren Geschäftsmann, der nicht nur durch Heirat einen Adelsnamen angenommen, sondern vormals sein Handwerk bei der Organisation von Jubelveranstaltungen der SED und FDJ erlernt haben soll, wie dem ND-Pressefest oder der Liedertour nach dem Festival des poli­tischen Liedes. Durch die Ausgestaltung der Altberliner Destille mit rustikalen Alltagsantiquitäten, die jener Wirt einst sogar von Deponien aufgesammelt hätte, wurden auch die Spuren des Vormieters weitgehend beseitigt. Der hieß in den letzten DDR-Jahren VEB Robotron und hatte in den Räumen ein klei­nes Rechenzentrum installiert, wobei für die Rechner extra ein kleiner Anbau errich­tet und die Betriebstemperatur der Ma­schi­nen nicht mittels Kli­ma­an­la­ge gesichert wurde, son­dern durch Wasserkühlung.

Gut hundert Jahre zuvor, am Ausgang des 19. Jahrhunderts, hatte man begonnen, die seit 1874 bestehende War­schau­er Straße zu bebauen. Wie 120 Jahre später, schlug damals die Stunde der Spekulanten. Einer der raffiniertesten und erfolgreichsten war der Bankier Georg Göttling. Er besaß fast die Hälfte der Grundstücke an der Warschauer Stra­ße, ebenso an der Gubener und Libauer Straße. Die meisten seiner Flurstücke parzellierte er fleißig und verkaufte sie mit beträchtlichem Gewinn. Eins davon erwarb 1889 der Maurermeister Karl Walter und errichtete darauf ein ansehnliches Mietshaus im neobarocken Stil, mit Erker, Balkonen, geschweiftem Giebel, Masken- und Stuckverzierungen.

Das Haus Nr. 26 in der Warschauer Straße blieb vom Krieg verschont und als einziges in der ganzen Straße im Originalzustand erhalten. Vor einigen Jahren wurde es saniert und steht seitdem unter Denkmalschutz. Mit seiner weißen Fassade leuchtet es schon von weitem als erstes Haus am Platz und kündet vom Einzug der neuen Zweiklassengesellschaft, die Soziologen im Kiez längst entdeckt haben.

Jens-Axel Götze



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